Weinstädter Brezel-Studie: Bäcker Schreiber

In meinem letzten Job gab es ein Freitags-Ritual: “Der süße Freitag”. Bei diesem Titel dachte ich an Mohnschnecken, Rosinenbrötchen und Streuselkuchen zum Frühstück. Eben all die leckeren Süßigkeiten, die in den Auslagen einer anständigen Bäckerei so umherturnen. Weit gefehlt. Meine schwäbischen Kolleginnen und Kollegen zelebrierten den “Süßen Freitag” mit Laugenbreuzeln. Besser gesagt mit Butterbrezeln, was Laugenbrezel mit Butter sind. Über sprachliche Wirrungen denke ich hier im Südwesten schon länger nicht mehr nach und gab mich der Faszination Butterbrezel hin.

Neulich führte ich in einem Besen eine beherzte Diskussion mit einem alteingesessenen Endersbacher, ob nun der SCHREIBER oder der Weller die besten Brezeln macht. Wenn etwas für den SCHREIBER-Brezel spricht, dann ist es seine Präsenz. Selten sah man einen stattlicheren Vertreter der Brezel-Innung. Locker über 100g schwer und sauber geflochten. Rein von der Erscheinung her ist er der absolute Platzhirsch auf dem Frühstückstisch. Dichter Teig, der den Mund bei jedem Bissen auszufüllen scheint, macht rigoros Schluss mit Low-Carb-Bemühungen. Die SCHREIBER-Brezel ist eine gebackene Kampfansage an all die Herausforderungen des Tages. Wer morgen so ein Teil verputzt macht seinen Mitmenschen klar, dass er für die größten Herausforderungen gerüstet ist.

Was dieser Brezel fehlt ist das Filigrane. Die Finesse. Moment mal, mag der geneigte Betrachter einwerfen. Der King Kong der Brezel wird nie mit feingliedrigen Gemschacksnuancen punkten, sondern mit blanker, purer, roher Brezel-Power. Und das ist mein einziger Kritikpunkt. Auf die Dauer ist die SCHREIBER-Brezel etwas eindimensional in ihrer Erscheinung. Wenn ich mir nicht den Wanst vollschlagen will, fehlt es ihr etwas an Input für die Geschmacksknospen.

Das ist jetzt Jammern auf hohem Niveau, aber für den Thron des Brezel-Königs reicht es leider nicht.

 

 

Viel Gebell bei Juwelier Kötter

Rainer ist Internetshopper aus Leidenschaft. Daher war es für ihn nur konsequent, auch den Verlobungsring für mich online zu bestellen. Schon vor einigen Monaten hatten wir uns beim Juwelier Christ in Stuttgart über Trauringe informiert, uns die Gretchenfrage Silber oder Gold gestellt und bei dieser Gelegenheit auch unsere Ringgrößen der rechten Hand ermitteln lassen. Der Verlobungsring, man trägt ihn ja links, sitzt nun leider etwas locker. Engermachen beim Internetverkäufer verlobungsringe.de kein Problem, aber in welche Größe? Also bin ich beim österlichen Einkauf geschwind zu Juwelier Kötter im Zentrum von Weinstadt rein. Der Mitarbeiterin habe ich offen und ehrlich gesagt, wie es ist: Verlobungsring bekommen, leider etwas zu groß, und ob man mir bitte meine Ringgröße vom Ringfinger links messen könnte. Darauf die Verkäuferin: “Ist der von uns?” Ich: “Nein.” Sie: “Da muss ich fragen.” Sie rief die Chefin und verschwand. Die Chefin erklärte mir, dass sie das nicht machen werde. Sie kümmere sich selbstverständlich um ihre Kunden. Aber nicht um Leute, die im Internet bestellen. Auch wenn ich das mit keinem Wort erwähnt hatte, ging sie davon aus. Sie echauffierte sich, dass ständig Leute, die im Internet bestellen, mit ihren Problemen zu ihr kommen und sich dann nachher auch noch bei ihr beschweren würden, wenn der Ring nicht passe und dann wäre sie schuld. Und überhaupt hätten Internetanbieter ganz andere Maße, das ginge sowieso nicht, das müsse dann schon der Verkäufer im Internet ausmessen. Die Chefin ging quer durch den Laden und ließ mich einfach stehen. Ich ging ihr nach und sagte ihr, dass es den Ring ja schon gäbe, er also nicht mehr falsch bestellt werden kann und außerdem Rainers Mutter gerade im Begriff sei, ein neues Lederarmband für ihre Uhr zu kaufen, das sie nicht gekauft hätte, wenn ich nicht zum Juwelier gewollt hätte. Wir waren also nicht nur als Schnorrer da. Aber keine Chance. Sie wurde dann auch etwas lauter bei ihrem wiederholten “nein, das machen wir nicht” und lief dabei wieder quer durch den Laden. Wunderbare Show auch für die anderen Kunden.

Was soll ich sagen. Ich verstehe auf der einen Seite ja ihre Position. Mehr und mehr Leute kaufen lieber (und vielleicht auch preiswerter) im Internet, statt beim Juwelier im Ort. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass es der richtige Weg ist, die Leute, die – mit welchem Anliegen auch immer – in den Laden kommen, so auflaufen zu lassen und vor versammelter Menge absolut unfreundlich zu behandeln. Davon geht das Internet auch nicht wieder weg. Im Gegenteil. Einzelhändler können aufgrund der Macht des Internets doch nur noch mit persönlicher Ansprache, Freundlichkeit und perfektem Service überzeugen. Statt mir also vorzuhalten, ich sei doch selbst schuld, wenn ich im Internet und nicht beim Juwelier vor Ort kaufe und müsse das nun selbst ausbaden, hätte sie mir sehr gut zeigen können, was guter Service ist und sich bei mir als die bessere Alternative empfehlen. Den Verlobungsring besitze ich, das Geschäft war nicht mehr zu gewinnen. Aber wer einen Verlobungsring hat, der braucht irgendwann auch Eheringe. Und da ich ja schon den ersten negativen Aspekt vom Ringekauf im Internet erfahren hatte – kein Anprobieren und Anpassen des Rings vor dem Kauf – wäre es durchaus möglich gewesen, mich dafür zu begeistern, die Eheringe eben nicht auch noch online zu bestellen. Und so wird es auch sein. Die Eheringe werden wir bei einem Juwelier kaufen. Vielleicht bei Christ oder Wempe in Stuttgart. Bei beiden Juwelieren wurden wir sehr gut und sehr freundlich beraten – mit Messen der Ringgröße. Nur bei Kötter in Weinstadt, dort werden wir unsere Ringe hundertprozentig nicht kaufen. Beim Verlassen des Ladens habe ich mich umgedreht und genau das der Chefin zugerufen.